Jaan Kustos - „Irgendwo, jemand”

Irgendwo, jemand
Proviant-Buch
Originalausgabe
159 Seiten
ISBN 978-3-9811619-0-8
EUR 4,99 zzgl. Versand

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Leseprobe

Wolfgang las, was Maxim ihm gab.
»Warum schreibst du über das Asyl? Ihr lebt hier nicht im Asyl, sondern als Umsiedler.«
Er beugte sich vor und nahm den verständnisvollen Gestus des Sozialarbeiters ein.
»Aber wir leben hier wie im Asyl. Das ist meine Chiffrierung, verstehst du? Im Asyl finden sich die Verlierer der Gesellschaft zusammen. Das Asyl findet heute statt. Wir sind auch Asylanten, nicht nur die da in den Baracken...«
Er wies aus dem Fenster in Richtung der Straßen, wo die Hütten der Asylbewerber standen.
Maxim stockte. Er suchte nach den Worten, die seinen Empfindungen entsprachen.
»Ich möchte nichts Besonderes mehr sein, aber wir sitzen hier in einem schwarzen Loch. Man zeigt mit dem Finger auf uns, na ja...«
Maxim sah, wie Wolfgang abwehrend den Kopf schüttelte und versuchte weiter zu erklären.
»Wir sind etwas Besonderes, das stimmt doch, weil wir von drüben kommen? Wir haben alle kein wirkliches Zuhause. Die Alten gucken in die Röhre und wir in die Fäuste. Zukunft gleich null. Für die Meisten jedenfalls.«
»Was verstehst du unter Zukunft?«
»Ich weiß nicht genau. Vielleicht etwas, das nicht zu finden ist.«
Maxim wurde still, auch Wolfgang sagte nichts und sah Maxim an. Schon zu lange arbeitete er mit den Jugendlichen aus Russland zusammen und schien der immer gleichen Themen müde. Seiner Meinung nach sollten sie doch in die Zukunft schauen, sie hatten sie schließlich noch vor sich. Sein Leben war gelaufen. Im nächsten würde er den Job nicht noch mal machen. Er zog ein Päckchen Tabak aus der Tasche und begann sich eine Zigarette zu drehen. Wortlos nickend hielt er Maxim das Tabakpäckchen hin. Maxim schüttelte den Kopf. Wolfgang nahm die Selbstgedrehte zwischen die Lippen und zündete sie an.
»Darin fühle ich mich wohl«, sagte Maxim. Er fingerte an der Gesäßtasche seiner Jeans herum und zog ein einfaches, vom Tragen ganz wellig gewordenes Notizbuch hervor und legte es auf den Tisch. Wolfgang wollte danach greifen, aber Maxim kam ihm zuvor und legte seine flache Hand darauf.
»Das sind meine Gedanken«, stellte er klar und zog seine Augenbrauen hoch. Wolfgang blies ihm den Zigarettenrauch ins Gesicht.
»Du liest die Texte, die ich dir gebe, okay?«
»Sag mal...«, fragte Wolfgang und ignorierte Maxims bestimmenden Tonfall, »träumst du eigentlich auf Deutsch?«
»Manchmal ja, manchmal nein. Kommt darauf an, was ich träume. Wenn mein Traum in der Vergangenheit spielt, sprechen die Menschen zwar Russisch, aber ich verstehe sie nicht immer.«
»Die deutschen Träume verstehst du?«
»Auch nicht immer.«
»Die Notizen? In Deutsch oder in Russisch?«
»Beides. Manchmal deutschrussisches Gaga«, scherzte Maxim leise. »Oder Quatsch oder Blödsinn. Wie du das nennen willst.«
»Ein einziges Durcheinander, verstehe«
Maxim lächelte Wolfgang sanftmütig an und beugte sich langsam nach vorn. Stumm starrte er auf den Boden. Gerade hatte Wolfgang seine Gefühlswelt beschrieben. Das einzige Durcheinander war ein Abbild seiner Seele, an dessen Höhlenwänden die Figuren nie eindeutig waren. Manchmal sah er sie wild tanzend, wie Derwische. Dann waren sie alle Schatten, für ihn nicht mehr erkennbar oder voneinander zu unterscheiden. Wenn er aus der Höhle heraustrat, sah er die Realität und der wollte er sich stellen, selbst dann, wenn es schwierig werden sollte.
»Der Weg in mein Leben ist das«, sagte Maxim und nahm das Notizbuch zwischen Daumen und Zeigefinder und hielt es hoch. Sein Gesicht verfinsterte sich.
»Es ist wie sich im Kreis zu drehen. Jedes Mal, wenn man stehen bleibt und den Versuch macht einen Schritt vorwärts zu gehen, sagt dir einer, dass du fehl am Platz bist und dich gefälligst weiterdrehen sollst. Was sind wir denn, Russen oder Deutsche oder Asylanten?«
»Quatsch, ihr seid doch keine Asylanten.«
»Bist du sicher? Für die Deutschen bin ich Russe, für die Russen Deutscher. Bin ich da nicht irgendwie ein Nichts? Asyl ist doch das Nichts? Ein Zustand des nicht sein Könnens, der man war oder ist oder werden könnte. Aus dem Zustand kommst du nur durch Tod.«
»Maxim.«
»Keine Sorge, das sind nur Gedanken...

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