Ivo Sachs - „Schimpansen am Abgrund”
„Arvid dabei zu begleiten, wie er sich schlecht gelaunt und zynisch durch seine Berliner Alltagswelt manövriert, macht einfach einen Riesen-Spaß.” RBB Fritz Info Bücher
Schimpansen am Abgrund
Proviant-Buch
Originalausgabe
192 Seiten
ISBN 978-3-9811619-1-5
EUR 4,99 zzgl. Versand
Leseprobe
Was seit 1910 ein Tabakladen war, aus der alten Zeit, direkt an der S-Bahn,
hatte man vor zwanzig Jahren zu einer Mischung aus Café und Kneipe umgebaut.
Rötlich schimmerte die Markise im Nieselregen.
Unter einer der beiden Wärmelampen hatte sich im dicksten November eine
berüchtigte Familie niedergelassen und schlang gierig russischen Zupfkuchen
in sich hinein. Die zwei Kids wie immer außer Rand und Band. Der Größere
stopfte dem Kleineren gerade dessen Schal in den Mund und murmelte, soweit
ich richtig verstand:
„Los, du kleine Mistmade, stirb endlich.“
Der Kleine wehrte sich mit Händen und Füßen, war aber dem Gesetz des Stärkeren
unterlegen. Da blickte der massige Vater von seinem Kuchen hoch und brüllte
mit vollem Mund, so dass noch ein paar gekaute Streusel herausflogen:
„Torben! Hör auf!“
Doch Torben interessierte das einen Scheißdreck, fröhlich machte er weiter
und steigerte noch die Intensität seiner Worte. Die Mutter saß apathisch
daneben und war in ihrer Parallelwelt. Und weil Torben nicht aufhörte, stand
Daddy postwendend auf, holte weit aus und versetzte ihm eine gewaltige Ohrfeige.
„Aauuuuuaaahh!“ Auf Torbens Wange erschienen feuerrot die Abdrücke aller
fünf Finger von Daddys rechter Schlaghand. Für einen Moment stand er geschockt
da und wollte losheulen wie schon lange nicht mehr, doch dann sah er das
triumphierende Grinsen seines kleinen Bruders, riss sich zusammen, ließ
sich in den nächstbesten Stuhl fallen und tötete von dort aus, mit Blicken,
Bruder wie Vater. Die Mutter löste sich aus ihrer Starre und schmiss ihrem
Ehemann einen gespenstischen Blick zu, von wegen, wer ist bloß dieser primitive
Klops, dieser ekelhafte Fleischberg? Als könne sie sich nicht erinnern.
Auch ihre beiden Söhne waren ihr nicht geheuer. Woher diese Familie? Sie
kramte in ihren Erinnerungen und suchte nach den Mädchenjahren, am Ende
saß sie da und war woanders.
Inzwischen hatte ich mein Rad an eine Laterne gekettet und ging rein. Rita,
meine Kollegin, seufzte hörbar auf als sie mich sah, eiligst riss sie sich
ihre Schürze vom Leib, drückte mir rasch zwei Begrüßungsküsschen auf die
Backe, wünschte mir noch einen schönen Abend und war verschwunden. Nun war
ich für die nächsten sechs Stunden der einzige Mitarbeiter weit und breit.
Später würde nochmal meine Chefin vorbeischauen, um nach dem Rechten zu
sehen und die großen Scheine aus der Kasse zu nehmen, für den Fall eines
Überfalls.
Ich orientierte mich erstmal. Drei Tische waren besetzt. Zwei Pärchen und
Horst und Eberhardt, zwei Stammgäste. Schon als ich mir die Schürze umband,
hob Eberhardt seinen rechten Arm, um zu sagen:
„Machste nochmal zwei, ohne Gemüse.“
„Aber selbstverständlich Eberhardt, ich binde mir nur noch die Schürze zu,
wenn du nichts dagegen hast.“
Horst musste grinsen. Eberhardt auch. Warum, weiß ich auch nicht. Jedenfalls
meinte unser Klugscheißer zwei Kristallweizen ohne Zitrone, nichts leichter
als das. Die beiden Pärchen hielten sich an ihren Schokoladen fest.
Als Nächstes kam von draußen der Vater herein, zahlte, ging wieder raus
und zog ab mit seiner Sippe. Ich schnappte mir das größte Tablett, das der
Laden zu bieten hatte, und ging raus, um das Schlachtfeld zu beseitigen.
Was für eine Sauerei, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Es dauerte eine
Weile, zum Schluss war das Tablett gerammelt voll. Dann nahm ich es, balancierte
es geradewegs in die Mülltrennung in der Küche, ging wieder raus und knipste
die Wärmelampe aus, die zog nämlich Familien an wie Fliegen.
Endlich kehrte etwas Ruhe ein. Zeit für einen gepflegten Kaffee, mit aller
Sorgfalt zubereitet. Dazu Zigarette. Im Moment war nix los. Sehr schön.
So blieb es eine Stunde lang. Nichts passierte. Horst und Eberhardt bekamen
jeweils noch zwei Bier, die beiden Pärchen hielten Händchen und himmelten
sich an. Im Hintergrund dudelte das Radio.
Intervallweise strömte alle zwanzig Minuten ein Schwung verhutzelter Gestalten
aus dem S-Bahnhof, doch niemand kam rein. Ich fing an, in einer fragwürdigen
Zeitschrift zu lesen.
Und wie ich so las, bemerkte ich nach einer Weile, aus dem Augenwinkel,
einen Schatten, der mich aufblicken ließ.
Nanu, direkt vor dem großen Fenster geradezu, direkt wo Horst und Eberhardt
saßen, stand ein Typ, den ich hier noch nie zuvor gesehen hatte. Ausladend
fuchtelte er mit seinen Armen herum, als sei er der neue Messias. Wahrscheinlich
ein entlaufener Irrer, die Stadt war voll von ihnen. Ich las weiter, solange
er draußen blieb und seine Fettgriffel von der Scheibe ließ, meinen Segen
hatte er. Doch dann fing er an, gegen das Fenster zu trommeln, zweimal,
dreimal, ich klappte meine Zeitung zu. Anscheinend hatte hier ein verirrtes
Schaf seine Herde verloren. Sah aus wie´n Italiener, vielleicht auch Kroate.
Durchgeknallt oder zugedröhnt, oder beides. Er wollte etwas. Wie es aussah
von keinem Geringeren als Eberhardt. Und tatsächlich, jetzt sah ich es ganz
deutlich, der meinte Eberhardt.
Der saß mit dem Rücken zu mir. Seine mittelgroße Gestalt bewegte sich nicht.
Horst drehte sich um, zum Fenster.
„Ach du Scheiße, was will der denn hier?“
„Keine Ahnung, aber der soll sich verpissen, der geht mir auf ´n Sack“,
sagte Eberhardt wie ein Killer.
„Der sucht Constanze“, mutmaßte Horst.
„Mir doch egal.“
„Was is´n mit dem?“ fragte ich.
„Das ist der Freund von Constanze, hat sie vor einem Jahr im Urlaub kennen
gelernt, Marco, ’n Italiener, verliebt und gleich mit rüber gebracht.“
„Aha.“
Marco also. Marco war mit hundertprozentiger Sicherheit auf Koks. Und schwer
alkoholisiert dazu. Entweder er schwankte wie eine Orgelpfeife um seinen
eigenen Schwerpunkt herum, oder er bekam aggressive Ausflipper, die sich
gewaschen hatten. Eberhardt hingegen bewegte sich gar nicht, saß eher da
wie ein gespannter Flitzbogen. Soviel ich wusste, versuchte er im richtigen
Leben als Taxifahrer über die Runden zu kommen. Alt-Achtundsechziger, damals
politisch aktiv in der dritten Reihe, gestandener Veteran, leuchtendes Beispiel
der Menschheit, hatte damals, easy natürlich, für eine vermeintlich große
Sache gefeiert, und glaubte nun, dafür hätte er sich lebenslang einen Lolli
verdient.
Draußen drehte der Italiener jetzt vollends auf. Wenn ich vom Tresen aus
richtig sah, hatte er Pupillen so groß wie ein Wagenrad. Die Augen aufgerissen
bis zur Schmerzgrenze, schickte er pantomimisch einwandfreie Todesdrohungen
durch die Scheibe. Die schwarzen Locken standen ihm zu Berge, als hätte
er in eine Steckdose gefasst. Verlottertes Hemd, mit Rosen bedruckt, Goldkettchen
mit Kruzifix, Schnellfickerhose, Römerlatschen, stand er da, mit einem irren
Leuchten in den Augen, und gab wild gestikulierend seine Performance zum
Besten.
Plötzlich hielt er inne, zückte seinen linken Zeigefinger und fixierte in
drohender Pose Eberhardt, ein paar Sekunden lang, wie ein Voodoopriester,
die Augen der reine Wahnsinn. Dann drehte er sich mit fast kinskischer Schraube
cirka 270 Grad um sich selbst, kam auf die Tür zugerannt, riss sie auf,
lief bis auf einen knappen Meter an Eberhardt heran und fing an, eine Hasstirade
loszuschmettern, bei der um ein Haar sichtbare Funken sprühten.
Eberhardt erschrak und schiss sich so gut wie in die Hosen, dann packte
ihn die Ehre, etwas in ihm bäumte sich auf und er schmetterte zurück, auf
Teufel komm raus, koste es was es wolle. Beide fielen sich permanent in
ihre Verbaleskapaden und hatten außerdem Frequenzen gewählt, die ich vom
Tresen aus beim besten Willen nicht verstehen konnte.
Musste ich auch nicht, denn ebenso schnell wie er gekommen war, rannte der
Italiener wieder hinaus, knallte brutal die Tür zu und stapfte mit riesigen
Schritten auf die Telefonzellen zu. Tür aufgerissen, Hörer ans Ohr gezerrt,
Geld eingeworfen, zweimal gegen den Apparat getreten, rief er irgendwen
an. Erst wollte ich hinterher, wegen des respektlosen Umgangs mit der Ladentür,
doch stattdessen schnappte ich mir ein Glas und fing an zu polieren, das
beruhigte meine Nerven etwas.
„Der ruft jetzt Constanze an, wetten?“ kombinierte Horst.
Anstatt zu antworten, guckte Eberhardt wie ein Fisch, vielleicht hatte er
einen geistigen Aussetzer, denn auf einmal drehte er sich zu mir um und
sagte in einem Ton, den er sich nicht wirklich leisten konnte:
„Wenn der hier nochmal reinkommt, w i l l ich, dass du sofort die Bullen
rufst.“
Als hätte er nicht mehr alle Latten am Zaun. In Anbetracht der Umstände
ließ ich es durchgehen, polierte weiter das Glas und bemerkte nur, mit Grabesstimme:
„Aber selbstverständlich, Eberhardt, ganz wie du es möchtest.“
Eberhardt setzte ein triumphales Lächeln auf und guckte stolz zu Horst.
Na soll er doch, war mir relativ pupe. Doch Eberhardt war wie vom Hafer
gestochen, er drehte sich ein zweites Mal um und schob hinterher:
„Aber s o f o r t !“
Beinahe wär mir das Glas aus der Hand gerutscht, ich musste richtig lachen.
Horst auch.
„Was´n, is’ schließlich mein gutes Recht“, feierte er noch seinen Geniestreich.
Daraufhin stellte ich das Glas an seinen Platz und sagte so laut, dass alle
es hören konnten:
„Sag mal, Eberhardt, was is´n eigentlich mit dir los, steht dir irgendwas
zu eng? Sieh mal zu, dass du diese Henkemekenke hier sein lässt, bist wohl
ein bisschen flippig unterwegs neuerdings. Halt dich an deinem Bier fest
und dein Antlitz ins Fenster, dann bleiben wir alle Freunde und gehen vielleicht
mal in den Zoo ein Nashorn füttern, klar?!“
Pause.
Eberhardt saß da mit offenem Mund und guckte wie ein beschränkter Dosenöffner.
Daraufhin kicherten beide Pärchen los, erst die Frauen, dann die Typen,
Horst sowieso, ich auch, und, nachdem er sich überwunden hatte, sogar Eberhardt.
Die wüsten Hasstiraden waren vergessen, im Handumdrehen hatte sich ein richtiges
Gemeinschaftsgefühl entwickelt, wie unter Brüdern und Schwestern.
So hätte alles gut werden können, doch zu früh gefreut, denn auf einmal
ertönte von draußen ein immenser Schrei, den man wahrscheinlich auch in
Spandau hörte. Der Italiener war zurück.
