Georg Pruscha „Der Aufstieg - ein Diktat”

Der Aufstieg - ein Diktat
Proviant-Buch
Originalausgabe
174 Seiten
ISBN 978-3-9811619-2-2
EUR 4,99 zzgl. Versand

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Leseprobe

Das einzige wirklich schreckliche, tiefgehende Erlebnis im Theater – egal, was ich sehe – ist das Publikum. Sie lassen spielen mit sich, sie wissen nicht, warum sie dort sind, das kann ihnen niemand sagen. Nachdem sie sich mittlerweile anziehen, als wären sie nur kurz zum Zeitungholen gegangen, kann es ihnen ja wohl nicht mehr darum gehen, gesehen zu werden. Ich fürchte, sie alle gehen dorthin, weil sie dadurch klüger werden oder bleiben wollen, und ich war bald mitten unter ihnen mit diesem Wunsch. Dann saß ich dort, unter den Leichen, und hatte wieder das Bedürfnis davonzulaufen. Das kam wohl alles davon, dass ich davor beinahe nie in einem Theater gewesen war. Im Prinzip. Meine Jugend nicht und mein frühes Erwachsensein nicht. Ein Vorhaben, das ich mir ewig aufstaute, zu arm und zu faul, es durchzuführen. Je weiter hinausgezögert, desto dringlicher wird das Bedürfnis, bis zu einem gewissen Punkt. Wäre es jetzt besser gewesen oder schlimmer, dieses Bedürfnis verkümmern, diesen Stau versiegen zu lassen? Darüber wäre ich immer im Unwissen gewesen, aber ich hätte wohl die Kraft aufgebracht, dass es mir gleichgültig geworden wäre.
Anfangs hatte ich noch mitunter gehofft, ich könnte dort einen Menschen, am besten eine Frau, treffen und kennenlernen, der meine Gedanken hätte, ein näheres Eingehen, aber das war doch unsinnig, wie sollte das gehen. Nur, weil ich das einmal in einem Film gesehen hatte? Ich kann doch nicht einfach zu jemandem hingehen und zu sprechen beginnen, schon gar nicht zu einer Frau und dann wie in einem Film. Ich trug lange diese Hoffnung, das muss ich gestehen, und so kam es, getrieben auch von der Hoffnung, dass ich schlussendlich beinahe täglich ins Theater, in die Oper, ins Konzert ging, nachdem ich die Angst vergangener Zeiten überwunden hatte, ich hätte dort nichts zu suchen … vielleicht war ich am Anfang auch zu verschreckt, alleine dorthin zu gehen, wovon sie alle nur in Ehrfurcht sprechen. Ich darf jetzt nicht anfangen mich dafür zu verurteilen, wie ich einmal gewesen bin. Natürlich war ich schrecklich, aber so war ich eben. Wie sollte ich da noch den Überblick auf die Gründe für mein Hingehen bewahren, wenn sich in kürzester Zeit so viele unvereinbare Erwartungen ergeben hatten? Und was wollte ich denn sein? Ein faszinierender, undurchschaubarer Theatergigolo? Ich hätte mir vieles erspart, wäre ich nicht dortgewesen, wenn man das so sagen kann. Man kann das nicht so sagen.
Durch die allabendliche Ausschließlichkeit habe ich in einem Ausdruck gelebt, der nichts mehr mit dem zu tun hatte, was in der tatsächlichen Welt, jener vor der Bühne und hinter meinen Mauern, stand. Bereits am Parkett begegneten die von der Erhöhung des Podests aus vorgetragenen Äußerungen der menschlichen Alltäglichkeit unten in den Sitzreihen, und so rieb – oder in den Staatstheatern prüfte – das eine am anderen seine Berechtigung, wie ich das sehe. Dabei ging auf der Straße in einem ebensolchen Moment etwas völlig anderes vor. Ich hingegen lebte nur noch in diesen Selbstbesprechungen und konnte dem nicht einmal etwas entgegensetzen, womit und mit wem hätte ich denn in meiner kleinen verkommenen Wohnung sprechen sollen. Ich war doch nur mit meinen Anhassungen der wenigen aber umso übleren Menschen in mir befasst, beschäftigt, die mir in meinem Leben bis dorthin begegnet waren, und das alles in einer Getragenheit, von der ich mich peinlicherweise bereitwillig infizieren ließ. Ich lebte also schließlich in einem Sprechen, das ich auf den Bühnen hörte und bestenfalls in Zeitungen las, die ich ohnehin nicht verstand, die aber zumindest kurzfristiger waren als die verfluchten Bücher, die zu beenden nicht nur ein Gräuel, sondern zunehmend unmöglich wurde. Ausgeschlossen. Es ist nicht möglich, ein wirkliches Buch zu erschließen und daher wirklich zu lesen. Das ist vollkommen unmöglich. Ich war also Gefangener, lächerlicher Stiefelknecht einer leblosen, einer so betrachtet wohl unzulänglichen Sprache.

Schon am ersten Tag des Vorverkaufs stand ich zumeist als erster im Kassenraum und freute mich über die Ungeduld der Schlangestehenden hinter mir, weil ich so viel zu kaufen und zu reservieren hatte; und welch Achtung mussten sie haben und hatten sie auch in ihren Augen, dass ich, ein junger, bescheiden aber immerhin nicht uniformierter Mensch so viel Geld, es war alles, ausgab für ihr eigenes höchstes Gut, auf das die Klügsten unter ihnen vielleicht zweimal im Monat, mag sein in der Woche zurückgriffen. Der dicke Stoß an Karten in meiner Hand hob mich in jenem Raum höher als es ein ebensolcher Stoß der höchsten Banknoten getan hätte. Schnell steckte ich ihn weg und sah dabei niemanden an, so schnell, dass es auch den Hintersten in der Reihe auffallen musste. In jeder Bewegung wie in meiner Kleidung betonte ich, dass ich kein Kritiker, kein Kenner, kein Student, kein Liebhaber der Künste war. Was war ich denn?

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